7. September 2015
Ich fliege nicht gerne im Inland. Das ist für mich im wörtlichem Sinnen ein Überfliegen. Man sieht von oben einfach viel weniger als aus Bus oder Bahn. Und oft ergibt sich nochmal ein anderer Blick auf vermeintlich Bekanntes. Neue Perspektiven.
Die Zugfahrt nach Luxor kommt da recht. Und dazu noch zu einem Spottpreise: ca. 3 Stunden oder eben ca. 200 km Zugfahren für umgerechnet 5 Euro. Halbwegs bequem ist der Zug, wenn auch dreckig. Aber das stört nur noch nebenbei. Bestimmt ist das im kommenden Jahr nicht das letzte dreckige Transportmittel und bestimmt auch nicht das dreckigste. Wir fahren vorbei an Dörfern und durch Viertel, die wir sonst verpasst hätten. Die Lebensweise ist ursprünglicher und unmoderner als in den Großstädten. Felder ziehen an uns vorbei. Es sind viele Einheimische im Zug. Familien mit Kindern und alleinreisende Männer. Außer uns ist nur noch ein Tourist im Abteil. Immer wieder laufen fliegende Händler durch die Wagons und legen ihre Ware auf unseren Schoß. Einfach liegen lassen und wieder abgeben, wenn er zurück kommt. Völlig unverfrorene Geschäftsmethoden werden hier angewandt.
Gegen Mittag kommen wir in Luxor an. Es ist noch heißer. Kaum zu glauben, dass das geht. Allerdings ist die Zeit hier etwas knapper als bisher. Und Julia hat ein straffes Programm ausgeheckt: heute Ostufer, morgen Westufer. Also einchecken, Zimmer beziehen, duschen und los. Wir lassen uns vom Hotel die ägyptischen Taxipreise nennen und machen uns auf den Weg zum Karnaktempel. Als der Taxifahrer merkt, dass wir wissen, was wir zahlen müssen, ist er amüsiert, nimmt uns aber mit. Zwei Mädels unterwegs. Heute also mal vorteilhaft.
Julia kennt den Tempel schon und setzt sich in ein Café gegenüber, nachdem sie mich am Eingang abgegeben hat. Schon beim Ticketkauf bekomme ich nach Klärung meiner Nationalität von einem Möchtegernguide erzählt: „when I think of Germany I think about blue eyes.“ Mir wird schlecht. Mit der arabischen „Romantik“ kann ich nichts anfangen. Ich lache ihn spontan aus. Er nimmt es mir nicht übel. Aber Deutschland ist Nummer 1! Ja, sage ich, wir sind Worldchampion!!! Und ihr so?! Das find ich dann auch wieder witzig. Überhaupt lässt sich ziemlich viel über Fussball klären. Dann sind die Araber auch eher kumpelmäßig als machohaft unterwegs.
Die Anlage ist voll mit ausgekippten Touristenbussen aus Pauschalhotels von der Küste oder von Schiffen, die bei ihrer Rundreise auf dem Nil in Luxor anlegen. In Gruppen mit verschiedensprachigen Guides werden sie durchgeführt. Ich bin froh hier nicht fremdbespasst und zugequatscht zu werden. Allein und in Ruhe wirkt so eine Ruine auf mich noch einmal mehr beeindruckend. Und ich google nachher lieber alles was ich wissen will. Oder wälze Reiseführer.
Der Tempel selbst ist gut erhalten und sofort bin ich wieder in eine andere Zeit versetzt. Zwischen den Säulengängen und Resten von Hallen, unter verzierten Deckenresten und verwinkelten Anbauten mit Wandmalereien kann man sich verlieren. Ein turbaniger Ägypter drängt mir irgendetwas zeigen zu wollen. Ich gebe irgendwann genervt nach, warum weiß ich selbst nicht genau, und folge ihm. Was will er? Um ein paar Ecken und Gänge weiter gibt es eine Kammer mit sehr gut erhaltenen Wandschmuck. „Take a picture.“ Jaja, ich mach ja schon ein Foto. Danach verabschiede ich mich. Freundlich erst. Dann deutlicher. Er fragt ganz direkt nach Trinkgeld. War ja klar, dass das nicht die pure Nettigkeit war. Überhaupt ist man in Ägypten selten nett oder freundlich aus Hilfsbereitschaft, denn aus Geschäftssinn. Das ist schade, nervt aber vor allem. Da ich in Ägypten kein Geld geholt habe, sondern alles mit Julia verrechne, habe ich überhaupt keinen einziges Pfund dabei. Wofür außerdem? Dass er mir einen Tempel zeigt, für den ich schon längst Eintritt bezahlt habe?! Er wird pampig. Ich sage ihm, dass ich allein klar komme. Er scheint es nicht zu glauben. Irgendwann schnallt er, dass es mir ernst ist und verschwindet und ich ärgere mich nur noch über meinen Anfängerfehler. Echt Thea!!! Hättest Du besser wissen müssen!!! Das passiert garantiert nicht nochmal. Für den Rest des Tempelbesuches verlege ich mich bei Kontaktaufnahme durch vermeintliche Guides sofort auf „I Don’t need a guide!“ Es wirkt, wenn man nur energisch genug guckt und spricht.
Julia wartet draußen schon ungeduldig. Ich hab wohl etwas die Zeit vertrödelt. Sie zahlt Kaffee und Wasser. Der Kellner ist empört. Viel zu wenig. Und er kann nicht glauben, dass wir nicht die Touristenpreise bezahlen wollen. Überhaupt ist es eine Unverschämtheit, was teilweise verlangt wird. Nicht selten das 4-fache der ägyptischen Preisen. Und da auch das noch günstig ist für Europäer und die wenigsten wissen, dass ALLES(!) Verhandlungssache ist, sogar Kaffee und Wasser im Café, zahlen die meisten stillschweigend. Julia hat sich angewöhnt, wenn möglich zu schauen, was Einheimische bezahlen- klappt bei Busfahrten z.B. sehr gut oder an Strassenständen für Wasser und Obst- oder einfach auch mal Einheimische vorzugsweise Frauen fragen, was dies oder jenes kostet. Und in der Regel ist es so: wissen die Verkäufer erstmal, dass man weiß, wovon man redet, lenken sie relativ schnell auf den ortsüblichen Preis ein.
Zurück im Hotel rüsten wir uns fürs Abendessen. Zur blauen Stunde gehe ich auf der anderen Strassenseite in den Luxortempel. Beleuchtet nochmal ein ganz anderes Erlebnis der Tempelbesichtigung. Besonders eindrucksvoll die Figuren von Ramses II. am Eingang. Riesig!!! Oder vielleicht bin ich einfach leicht zu beeindrucken. Oder klein.
Ich hole Julia danach im Hotel ab. Aber da auch dieses Hotel das Restaurant auf dem Dach hat mit Blick auf den Luxortempel und das Westufer, entscheiden wir uns nach einer erfolglosen Restaurantsuche doch für unser Hotel. Den Ruf des Muezzin zum Abendgebet gibt es genau wie die Gänsehaut gratis dazu. Ich find das auch beim 47. Mal immer noch ergreifend. Orient, ich mag Dich. Warum machst Du es einem manchmal so schwer?!
8. September 2015
Hardchoresightseeing in Luxor, Tag 2. Wir fahren so früh wir können- also um 8h bevor die schlimmste Hitze kommt- ans Westufer. Das Tal der Könige, quasi ein alter Friedhof mit leeren Grabkammern (Inhalte alle im ägyptischen Museum in Kairo), von denen immer wechselnd pro Tag nur eine Hand voll geöffnet ist, danach Hatshepsut Tempel und anschließend in den Madinat Habu. Das war nur unsere persönlich Auswahl aus einer Fülle von Tempel- und Grabanlagen. Man könnte auch locker mehrere Tage in der Westbank bleiben und ein Vermögen für Eintritt hier lassen. Aber irgendwann ist der 17. Tempel eben auch nur noch ein Tempel. Völlig egal, wer den wann und warum für wen hat bauen lassen. Wüstenhitze, die mich beim stillstehen im Schatten ins Schwitzen bringt, begleitet uns den ganzen Tag. Der Wind hat heute frei.
Gegen frühen Nachmittag sind wir zurück im Hotel und verbringend ihn mit Postkarten schreiben und freunden uns nebenbei mit den ersten gut aussehenden Arabern, die ich in Ägypten sehe, an. Sie gehören alle zu der arabischen Familie, die das Hotel in der fünften Generation betreibt. Alles Brüder, Cousins, Neffen oder sonstige männliche Verwandtschaftsgrade.
Unser Abendessen geniessen wir wieder auf der Dachterrasse. Wenn man die schonmal vor der Nase hat. Wir haben vorbestellt. Nach Taube in Dahab heute mal Hase. Leider ist der kleine auch noch lecker. Kochen können die Ägypter wirklich gut.
Abschließend dürfen wir auch heute wieder packen. Morgen geht es mit dem Bus zurück nach Kairo. Ein paar Tage im Lieblingsmoloch bevor wir Samstag nach Indien aufbrechen.