5. September 2015
Der Tag beginnt früh. Wir wollen heute von Dahab nach Assuan. Auf Grund der schlechten Inlandsverbindungen in Ägypten müssen wir über Kairo fliegen. Fast alle Inlandsflüge gehen über Kairo. Was für ein Luxus, dass wir in Deutschland nicht von München nach Frankfurt über Berlin fliegen müssen. Zweimal am Tag starten und landen ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Aber diesmal geht die Zeitersparnis vor.
Wir werden vom Hotel abgeholt. Julia hat alles organisiert. Nicht nur in Assuan. Die ganze Woche haben wir grob abgestimmt und sie dann ins Detail umgesetzt. Glück gehabt bei der Schwesternschaft. Auch das hätte schlechter laufen können im Leben.
Es ist trockener und tatsächlich noch heißer im Süden. Wer hätte das gedacht. Wir verschnaufen erstmal auf der Dachterasse und geniessen die Aussicht. Ganz schön nett hier. Mit offener Küche. Hier wird morgens auch das unglaublich leckere und nicht kontinentale Frühstück serviert, mit dem allerleckersten Omlette, Falafeln („Frikadellen“ aus pürierten Kichererbsen) und frischem Ful (Mus aus gekochten Bohnen und Gewürzen), das ich je gegessen habe. Yummie!
Das Zimmer ist der Knaller. In einer Zimmerecke ist die Dusche. Mit Duschvorhang. Chic. Daneben das Waschbecken und dann hinter einer Kommode das Bett. Die Toilette ist außerhalb des Zimmers. Da wir die einzigen Gäste sind und nur zwei Nächte bleiben ist das kein Problem. Ich bin belustigt. Platz für eine Dusche ist scheinbar in der letzten Ecke. Aber Julia und ich sind ähnlich gestrickt: sauberes Bett und Bad und schon sind wir zufrieden. So einfach ist das!
Mit der Fähre setzen wir am Nachmittag, als einzige Touristen, über den Nil in die Stadt über. Das gibt große Augen, besonders bei den Frauen und Kindern. Vielleicht ist kurz noch zu erwähnen, dass man auf der Fähre geschlechterspezifisch getrennt sitzt.
Am anderen Ufer angekommen brauchen wir zu allererst für übermorgen noch ein Zugticket nach Luxor. Der Bahnmitarbeiter ignoriert uns. Alle umstehen Männer drängeln sich vor. Wir sind eben zwei Frauen. Erst als eine neben uns stehende Ägypterin ihm sagt, er solle uns bedienen und Julia energisch wird, antwortet er auf Julias arabische Fragen konsequent mit englischen Antworten. Keine Seltenheit. Da kann schon jemand die Sprache… Am Ende haben wir unsere Tickets, schlendern über den Suq und machen es uns zum Essen in einem Restaurant am Nil gemütlich, um den Rest vom Abend wegzuquatschen. Schön war’s, Schwesterherz!
6. September 2015
Für unseren heutigen Ausflug nach Abu Simbel wurden eigentlich Passkopien benötigt. Anreise von Assuan ist entweder mit dem lokalen Bus möglich, der aber nur eine Stunde Aufenthalt hat oder mit einem Fahrer im organisierten, vom Militär begleitetem Konvoi. Dafür muss man sich anmelden (lassen). Sicherheitstechnisch relativ durchdacht. Wenn dann allerdings der Fahrer, aus welchen Gründen auch immer, die Passkopien von anderen Touristen für die Anmeldung verwendet, damit er die Genehmigung bekommt, macht das alles wenig Sinn. Aber gut. Ich hab das einfach überhört. Wirklich unwohl fühle ich mich erst, als ein bewaffneter Soldat zu uns ins Auto steigt. Der Konvoi besteht heute nur aus einem Auto – unserem! Ich versuche nicht darüber nachzudenken. Aber ich war auch schon mal entspannter.
Wir gleiten drei Stunden über gut befestigte Strassen Richtung Sudan quer durch die Wüste. Hier ist nichts außer Stromleitungen. Und irgendwelche im Bau befindlichen Wüstenstädtchen. Wer baut hier hin? Und warum? Die Landschaft flach, weit und gelb. Still. Wunderschön. Als wir Pause machen weht ein heißer Wüstenwind. Angenehm. Und so leise. Nur Wind im Ohr. Und wahrscheinlich Sand. Ich denke nicht zum ersten Mal, Ägypten hat so viele schöne Seiten. Manche sind allerdings gut versteckt.
In Abu Simbel angekommen begünstigt die Nebensaison unseren Aufenthalt. Wir sind die einzigen Besucher auf dem ganzen Gelände. Es ist so sehr Vorsaison, dass sogar das Damenklo abgeschlossen wurde. Benutzen wir eben das für Männer. Einer steht Schmiere für die andere. Als ich auf Julia warte kommt ein Mann im langen weissen Gewand um die Ecke, geht zum Pissoir und hebt ungeniert sein „Kleid“ hoch. Ich schließe daraus, die Araber tragen unter diesen Gewändern KEINE Unterhose. Haben wir das also auch geklärt. Einer der Soldaten, die das Gelände sichern ist da schon verklemmter. Zögert erst als er mich sieht und entscheidet sich für eine Toilettenzelle mit Tür. „Julia, beeil Dich! Es wird voll hier!!!“ Ich hab mich schon mal wohler gefühlt!
Wir suchen mal den Tempel und versuchen uns vorsichtig zu bewegen, um nicht ins Schwitzen zu geraten. Es ist irre heiß. Und diesmal ganz ohne Wind. Die uralten Tempelanlagen sind der Wahnsinn. Riesig und mit unzähligen Malereien verziert. Vor dem Tempel für Ramses II. Statuen von eben diesem, vor dem kleineren Hathor-Tempel für seine Gemahlin Nefertari abwechseln Statuen von ihm und ihr. Man sieht deutlich den altersbedingten Verfall. Hier und da fehlt mal eine Ecke von den Figuren. Und deutlich sichtbar auch, dass der Tempel, der mal aus einem Stück gehauen wurde, in Einzelteile zerlegt und versetzt wurde. Wegen einem Nilstaudamm. Es ist beeindruckend. Wie haben die das damals gemacht? Ich muss das mal googlen. Überhaupt wird Google wohl mein neuer bester Freund. Was da alles drin steht!!! Und trotzdem fällt mir immer noch ne neue Frage ein…
Nach einem Picknick mutterseelenallein am Tempel geht es nach zwei Stunden wieder Richtung Assuan. Leider wird unser anfänglich netter Fahrer mit der Zeit immer, sagen wir, zutraulicher. Fotos „like a friend“ machen, noch mal in den Arm nehmen und immer aufdringlichere Fragen. Wir versuchen die Fassung zu wahren, damit er uns nicht in der Wüste aussetzt. Der Soldat ist unbeeindruckt und fühlt sich nicht im geringsten beteiligt. Sympathisches Kerlchen. In Assuan springen wir bei der erstbesten Gelegenheit raus. Voll genervt und ausgehungert laufen wir auf der Suche nach etwas Essbaren über den Suq. Jemand versucht im Handgemenge Julia in die Tasche zu greifen, während er uns gleichzeitig Zigaretten anbietet. Das erste mal in über einem Jahr Ägypten. Diebstahl ist in muslimischen Gesellschaft verpönt. Durch die im Islam verankerten Almosen an Bedürftige besteht dafür eigentlich kein Grund. Die Gemeinschaft kümmert sich sozusagen um die, die es brauche. Julia schreit los und haut ihn mit seiner angebotenen Stange Zigaretten auf den Kopf. Alle gucken, er verschwindet. Schreien hilft. Muss ich mir merken. Unsere Laune wird an diesem Abend nur von dem bis dato günstigsten Abendessen inkl. Nachtisch erhellt: Chicken Sharwama für 0,70€ und McDonaldseis für 1€ jeweils pro Person.
Insiderwissen: Irgendwann in Dahab waren Julia und besonders ich überrascht von den günstigen Preisen fürs Essen. Ein Ziel des Urlaubs war es daraufhin immer die jeweils letzte Niedrigmarke zu unterbieten. Aber natürlich nicht nur mit billigen sondern auch und vor allem dabei gutem Essen. Challenge excepted! 1,70€ pro Portion fürs Abendessen von heute ist dabei schon ne ziemliche Vorlage.
Wir fahren halbwegs versöhnt ins Hotel und müssen schon wieder packen. Reiseroutine. Nächster Halt: Luxor!