Gut gebrüllt, Tiger!

02. Oktober 2015

Julia und Marc wecken mich. Ich überhöre den Wecker schon seit Tagen. Was für eine Müdigkeit. Ich weiß gar nicht, wo das her kommt. Was soll das werden, wenn ich allein reise?! Ich werde jeden Tag verschlafen.

Ich gehe ins Bad. Irgendwas raschelt. Hallo, Frau Feldmaus, Du bist aber ein großes Exemplar. Und das ist unser Bad. AHHHHH!!!! Ich schreie das Hotel zusammen. Kommt zwar keiner, aber Julia und Marc lachen sich weg. Ich wär dann wach!

Die Abholung zur Safari wurde ab 5:30h angesetzt. Was auch immer das heißen mag. In den Nationalpark kommt man erst ab 6h, vorher ist Nachtruhe für die Tiere angesagt. Tatsächlich heißt es, wir werden um 6:15h abgeholt. Was hätte ich noch schlafen können. Heute mit Kanter, eine Art offener Bus, also ohne Dach, mit Platz für ca. 35 Personen, einen Fahrer und einen Guide. Der redet heute allerdings vorwiegend auf Hindi. Für uns wenig hilfreich. Auch auf Nachfrage, ob er seine Ausführungen auf englisch wiederholen könnte, reagiert er begrenzt begeistert. Eine nette indische Familie neben uns übersetzt dann zum Teil. Die sind ja süss. Solche gibt es also auch, unter den sonst häufig sehr prolligen Touristenindern.

Wir sind die ersten und können uns Plätze aussuchen. Von uns aus werden verschiedene Hotels angefahren. Bei einem der letzten Stopps beiß ich vor lachen fast in die Sitzlehne: Ein Inder, mit seinen zwei Frauen. Wie auch immer die zusammen gehören. Er komplett in Tarnfarben, sitzt natürlich an vorderster Front und umwickelt sein Megateleobjektiv mit einem Handtuch. Auch das Objektiv ist in Tarnfarben gehalten. Ihm ist doch klar, dass wir mit einem wenig geräuscharmen Auto anrollen?! Jedes Tier, welches auch immer, wird uns hören, bevor es das Objektiv sehen könnte. Aber so sind sie, die Profisafariinder.

Ich friere völlig überraschend im sonst so hitzigen Indien. Kurzärmelig ohne Schal war eine blöde Idee. Konnte ja keiner ahnen, dass in Indien ein so kühler Fahrtwind weht. Da muss ich jetzt durch. Gegen 7:15h rollen wir in den Nationalpark. Es gibt verschiedene Zonen, die angefahren werden, mit unterschiedlicher Landschaft. Mal mehr Steppe, mal mehr Wald. Heute Wald. Dschungelsteppenmix. Unser Fahrer brettert los, vorbei an Vögeln, Wild, Affen und diversem anderen Getier. Ist wirklich eine Tigersafari. Für was anderes halten wir nicht an. Dass unsere Familie dann auch noch für sämtliche Tiere die Kameras zückt, verwirrt den Rest des Gefährts zusätzlich. Für einen Affen fasst hier keiner seine Kamera an.

Wir fahren keine 10 Minuten und halten hinter drei anderen Kantern. Alles reckt sich entlang der linken Längsseite unseres Autos. Ich seh nichts. Der Guide erklärt, da liegt was. Was? Ein Tiger! Natürlich. Ich seh ihn trotzdem nicht. In dem Steppengras ist er nur schwer zu erahnen. Wir warten. Darauf, dass er sich zeigt, bewegt, was auch immer. Die ersten Kanter vor uns fahren weiter. Scheinbar warteten die schon länger erfolglos. Wir fahren in unserem Auto weiter die Strasse entlang und stehen ziemlich parallel zum Liegeplatz. Jetzt ist mehr Tiger zu sehen. Nach weiteren Minuten tut er uns den Gefallen, reckt sich und steht auf. Bessere Sicht. Ein Tiger!!! Hinter uns mittlerweile noch drei weitere Autos. Alle Insassen aufgeregt, stehend, Köpfe reckend, alles erstaunlich leise. Der Tiger guckt uns an. Scheint unentschlossen. Aus dem Kanter vor uns knipst es. Mit Blitz. DAS findet er jetzt nicht mehr lustig. Ein Gebrüll, Kopfschütteln und sagen wir zügig spontanes entgegentreten Richtung unseres Autos. Alle Insassen gehen Schritte zurück, intuitiv an die andere Seite des Autos, soweit es möglich ist. Gedrängel. Keiner will zuerst gefressen werden. Wobei natürlich, wenn so ein Tiger springt, ein Meter mehr oder weniger nah dran egal ist. Er bleibt ca. 5 Meter vor dem Auto stehen und brüllt weiter. Mein Herz klopft. Marc raunzt Julia an, drauf halten. Sie zückt die Kamera. Ganz vergessen, bei den ganzen Überlebensreflexen. Der Tiger geht seitlich an uns vorbei, immer noch sichtlich missmutig und knurrend. Zwischen den Autos hindurch und stapft auf der anderen Seite die Böschung hoch in den Wald. Wir gucken ihm nach, bis er verschwunden ist und setzen uns wieder in Bewegung. Hui. Das war ein Auftakt. Ich bin immer noch ganz aufgeregt.

Das bleibt dann allerdings der einzige Tiger heute. Für uns jetzt nicht weiter dramatisch. Aber die restlichen Fahrgäste, alles Inder sind mäßig begeistert. Hat doch was, wenn man sich noch an ursprünglicher Dschungelnatur erfreuen kann und einem auch die gewöhnlichsten Affen noch ein Stauen entlocken. Wir durchkurven noch ca. 2 Stunden unseren Bereich für heute und fahren gegen 10 Uhr zurück, alle Fahrgäste unterwegs ausladen und wieder in unser Hotel. Jetzt erstmal frühstücken. Außerdem sind wir völlig eingestaubt.

Der Rest vom Tag ist dann eher chillig. Lesen, Indien recherchieren und organisieren, quatschen und ein bisschen rumhängen. Auch mal nett.

Nachmittags gibt es jeweils noch eine weitere Safari, gegen 15 Uhr. Die mitfahrenden Gäste kommen gegen 18 Uhr zum Tee zurück. Altenglischer Einschlag. Heute Nachmittag sehen wir dann auch unseren Safariinder. Wahrscheinlich muss in jedem Hotel einer sein. Genau wie der von heute morgen, Safarikleidung und übergroßes Teleobjektiv. Er stiefelt großspurig im Garten zwischen den Tischen umher und will von jedem wissen, ob er einen Tiger gesehen hat und ganz wichtig(!!!) in welcher Zone jeder unterwegs war. Oh, das ist ja was für uns. Und wir erinnern uns, der war gestern auch schon so beifallsheischend unterwegs. Aber jetzt, nach den Ereignissen des Tages, können wir das erst richtig einordnen. Bei Gegenfragen nach Tigersichtungen legt er dann los. Ausschweifende, gönnerhafte Erzählungen und sofort wird die Kamera mit den Beweisfotos gezückt. Du liebe Zeit. Marc tauft ihn „Mr. Fancypants“. Zu recht. Der geht mir durch bloße Anwesenheit auf den Keks.

Julia und ich bestellen Kuchen für Papas Geburtstag morgen. Ja, hier wird an alles gedacht! Später Abendessen im Garten. Und wegen der frühen Safaris sind wir dann auch alle frühzeitig reif fürs Bett.

03. Oktober 2015

Geburtstag!!! Erstmal großes Gratulieren. Später dann mehr. Jetzt müssen wir Tiger suchen.

Heute fahren wir zur Safari in Zone 6 (wir haben aufgepasst!) mit eigenem Jeep. Erspart uns die Abholung diverser Gäste. Für Papa ein kleines Highlight. Die Natur ist hier völlig anderes. Mehr Steppe und weitläufiger. Der Guide spricht heute englisch und erklärt, was die Natur hergibt. Sehr interessant. Wir finden auch direkt am Anfang unserer Tour Tigerspuren, leider aber nicht den Tiger dazu. Nach weiteren Streifzügen hören wir eine Art Gebrüll. Neben Tigern leben hier auch Leoparden und weitere Raubkatzen. Und alle verständigen sich besonders in den Morgenstunden mit lautem Geschrei, dem sogenannten „Morning call“. Wir folgen den Geräuschen. Wir fahren in ein kleines Waldstück und stoßen hier auf unzählige andere Safarifahrzeuge. Du liebe Zeit. Und alle Mitfahrer gewohnt laut. So wird das nichts. Und das stimmt dann auch. Wir sehen die verrücktesten Inder, aber keine Tiere. Ich würde mir den Wahnsinn auch nicht geben, so als Tiger. Das Geknäuel aus Jeeps und Kantern dann wieder zu entwirren dauert und endet im Chaos. Rückwärtsfahren will gelernt sein.

Zurück im Hotel das übliche. Später dann versucht Mr. Fancypants Marc zu beeindrucken oder Freunde zu finden. Wir wissen es nicht genau. Marc lässt ihn auflaufen und erzählt von unserem Tigererlebnis gestern. Da ist unser Freund dann etwas ruhiger.

Nachmittags gibts noch Geburtstagskaffee und Geschenke. Papa staunt über das Schachspiel. Marc und Julia fällt ihr UNO-Spiel wieder ein. Damit vertreiben wir uns den Rest vom Tag. Ist ja ab übermorgen auch keiner mehr da, der mit mir spielt. Oh Gott. Mein Bauch dreht sich beim Gedanken daran. Und leider begeistert mich meine selbstentworfene Reiseroute nicht. Hab da kein gutes Gefühl bei. Und da kann mir auch leider gerade keiner bei helfen. Das ist noch das Allerschlimmste. Nach vielem Hin und Her und Internetrecherche, bin ich kein Stück weiter. Von A nach B kommen scheint nicht immer ganz einfach. Gerade was die kleineren Strecken „auf dem Land“ angeht. Oft finde ich nicht mal eine Busfahrplan. Geschweige denn Unterkünfte… Ich versuche ruhig zu bleiben. Oder zu werden.

04. Oktober 2015

Für die letzte Safari haben wir wieder einen Kanter. Beim Einsammeln dann indische Arroganz von ihrer allerschönsten Seite: Völlig verspätet fahren wir das Hotel zweimal an, beim Einsteigen dann noch Missmut über die abgezählten leeren Plätze. Tja, wer zu spät kommt… Da ist mir das verschlafene französisches Pärchen fast noch sympatischer. Die verhalten sich wenigstens entsprechend unauffällig.

Zone 4 hat hat dafür definitiv die schönsten Wasserstellen. Was für eine tolle Natur. Und soviele Tiere!!! Da fehlt mir der heute wieder unsichtbare Tiger fast gar nicht.

Wir machen Pause. Das haben wir jeden Tag gemacht. Völlig ok, zur Halbzeit eine Pipipause mit Fotostop einzulegen. War auch immer eher unspektakulär. Heute aber mit dem zu spät kommenden Prollinder. Der lässt sich von unserem Guide und der Bitte wieder einzusteigen überhaupt nicht beeindrucken. Quatscht einfach weiter und steigt natürlich nicht ein. Unverschämtheit. Aber die soziale Struktur und wer hier wem was zu melden hat, wird überdeutlich. Ich bin fassungslos von soviel Abgehobenheit. Respekt wird hier gezollt, wenn jemand Geld hat. Da kann er Arsch sein, wie er will. Uns reicht es, Marc steigt aus und fragt nach dem Problem. Der Inder ist überrascht, dass Marc englisch spricht. Ja, und wenns sein muss auch noch eine handvoll anderer Sprachen. Das ist dann sogar dem indischen Großkotz peinlich und er rollt sich langsam ins Auto. Freunde werden wir den Blicken nach zu urteilen nicht mehr. Macht ja nichts.

Den Rest vom letzten Tag zusammen versuchen wir, so gut es geht, zu genießen. Ich bin allerdings immer ungenießbarer geworden. Haben die vier gut weg gesteckt. Mir liegt alles im Magen, was da kommt. Und an manchen Tagen hat sich das in einer ziemlichen Zickerei geäußert. Die Alternative wäre heulen gewesen. Beides nicht schön, aber teilweise war ich einfach nicht ich selbst. Woran das jetzt genau liegt, ist mir momentan nur zum Teil klar. Ich tippe auf Angst. All die Geschichten und Ratschläge bezüglich Indien haben mich schlussendlich völlig verrückt gemacht. Aber natürlich kein Stück konstruktiv geholfen. So, ja ich denke, ängstlich und vorurteilsbehaftet  bin ich noch nie gereist. Und mag das überhaupt nicht an mir. An dieser Stelle „Danke“ an alle Ratgeber. Das haben wir jetzt davon. Ich ärgere mich über mich selbst und versuche die Sätze aus dem Kopf zu bekommen. Nein, es ist nicht verrückt allein durch Indien zu reisen! Auch nicht als Frau! Doch, man kann das alleine und braucht kein Reisebüro! Nein, nicht jeder Inder ist kriminell! Ich brauch noch ein paar Runden, vielleicht hilft vorbeten ja bis morgen.

Und ich glaube auch der Rest kämpft heute mehr oder weniger mit dem Abschied. Jeder auf seine Art. Wussten wir ja lange genug. Eigentlich. Und dann sind aber trotzdem die gemeinsamen Tage viel zu schnell vorbei. Wir packen und verteilen meine Mitbringsel auf das elterliche Gepäck. Mit Julia teile ich die letzten Kosmetika auf. Man weiß ja nie… Später entspannen und essen und UNO, als ob nichts wär. Wir versuchen es zumindest.

Mir ist immer noch schlecht.

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