Ein Kamel kommt selten allein

11. September 2015

Das schöne, wenn man Zeit hat und alles gesehen, was man vermeintlich sehen müsste, kann man sich an die unvermeintlich sehenswerten Dinge machen. Wir so also heute mal eben zum Kamelmarkt. Etwas ausserhalb von Kairo, in Birgash. Nicht der größte in Ägypten, aber vorzeigbar.

Die Internetanweisungen bezüglich Anreise differieren etwas und so müssen wir uns durchfragen. Erst mit der Metro zum Minibusumschlagsplatz. Die fahren erst, wenn Sie voll sind. Und voll meint hier voll. Fürs europäische Verständnis wohl eher zu voll oder auch übervoll. Wir warten also bis zur Abfahrt. Gut, dass es so warm ist, da frieren wir wenigstens nicht. Irgendwann passt kein Blatt Papier mehr in den Bus und es geht endlich los. Bis zu einer der nächsten Haltestellen, von der aus wir dann den Zug nehmen müssen. Soviel wissen wir schon mal. Auf den Zug müssen wir aber auch erstmal eine Stunde warten. Marc versucht uns mit Motivationssprüchen wie „DAS(!) ist doch der halbe Spass und das eigentliche Abenteuer“ zu begeistern. Wir sind heut ein undankbares Publikum.

Die Menschen, die um uns herum auf dem Bahnsteig warten, fahren an den Stadtrand oder komplett aus der Stadt raus. Deutlich sichtbar, dass sie wenig Geld haben. Zerschlissene Kleidung, manche ohne Schuhe. Sie müssen schon sehr früh in der Stadt gewesen sein, um ihr Geschäft zu machen. Jeder trägt irgendetwas mit sich herum, was er verkaufen möchte. Lebensmittel, Textilien, Allerlei. Andere haben selbst eingekauft. Obwohl heute eigentlich Sonntag ist (in Wirklichkeit ist Freitag, aber in Ägypten quasi Sonntag, wie wir ihn in Deutschland kennen). Hab ich mir ruhiger vorgestellt.

Wir werden angestarrt und angelacht. Anders als sonst sind wir auch hier Sehenswürdigkeit, aber die Menschen freundlich neugierig. Je weiter wir aus der Stadt rausfahren, desto überraschter wird geschaut. Einige haben wahrscheinlich lange keine oder sogar noch nie Touristen bzw. Europäer gesehen. Die Verhältnisse werden ärmlicher. Richtig ärmlich. Das ist auch einfach keine Touristenroute mehr bzw. die Touristen, die sich sonst noch auf den Kamelmarkt verirren, mieten eine Fahrer. Aber wo bleibt da das Abenteuer?! Marc, erste Lerneffekte!

Der Zug selbst hat nur durchgehende Sitzbänke entlang der Längsseiten der Wagons und weder Fensterscheiben noch Türen. Nach ca. einer weiteren Stunde sind wir da. In einem Dorf. Wir fragen uns weiter durch.

Der Kamelmarkt ist noch 4 km entfernt. Oh mann. Heut aber richtig! Aber es fahren, tja, sagen wir Sammeltaxis. Eigentlich sind es Transporter, bei denen man sich auf die Ladefläche oder deren Umrandung setzen kann. Naja, bevor wir laufen müssen… Allerdings ist es in Kombination mit den Schlaglöchern eine recht wackelige Geschichte. Ok. Wir werden JETZT alle sterben. Ich sitz der einfachheithalber nach kurzer Zeit auf der Ladefläche während Marc Julia festhält. Die Staubwolken der vorbeifahrenden Fahrzeuge gibts gratis im Reisepaket dazu.

Auf der Fahrt kommen uns eben solche Transporter mit Kamelen beladen entgegen. Logistisch pfiffig abwechselnd vorwärts und rückwärts eingeladen schauen oben nur Höcker und abwechselnd nach vorne und hinten blickende Köpfe und Hälse raus. Ohhhhh, sind die süss. Und wie die gucken!!! Julia und ich quietschen. Im Graben liegen ein paar ausrangierte Kamele. Ob die schon tot sind oder gerade verenden können wir im Vorbeifahren nicht ausmachen. Nach ca. 10 Minuten sind wir da und steigen aus. Hinter uns abgemauerte Verschläge, in denen Kamele lümmeln. Vor uns der Eingang. Im Prinzip ist der Markt ein grosses freies Gelände, nach aussen abgegrenzt. Auf dem Gelände selbst gibt es kaum Unterteilungen, d.h. die Kamelherden stehen zum größten Teil lose (ein Vorderbein zusammen gebunden) bis gar nicht gesichert zusammen während die Besitzer bzw. Helfer aufpassen, dass alle zusammen bleiben. Und manchmal büchst eben doch ein Kamel aus.

So geschehen in den ersten 5 Minuten nach unserem Ankommen, in denen Marc schon Feuer und Flamme ist und Julia und ich uns Anbetracht der nicht unerheblichen Größe, die die ausgewachsenen Kamele vor uns stehend haben, kurz orientieren und sammeln müssen:

Wir beobachten also vor dem Eingang das Verladen einer verkauften Kamelgruppe, die sich partout weigert auf den Transporter zu steigen, als plötzlich aus dem Eingangstor kommend ein Kamel auf uns zu rennt und vor lauter Schreck selbst nicht weiß, wohin mit sich. Julia und ich springen hintern den nächsten Dreckhügel. Marc?! Der schiesst Fotos und wird fast von einem ausparkenden Auto angefahren. Chaos pur. Das haben wir sortierter erwartet.

Wo wir aber jetzt schon mal hier sind, entschließen wir uns trotzdem rein zu gehen. Eintritt dürfen wir auch noch bezahlen. Bloß weil Marc nicht glaubhaft versichern kann, dass er mit seinen zwei Frauen auf Kamelschau ist. Liegt vielleicht auch daran, dass ausser uns sonst keine Frauen da waren. Das nächste Mal trotzdem bitte überzeugender!

Im Eingangsbereich ein einziger Tumult. Es hupen voll beladene Transporter, die raus fahren wollen, leere hupen auf dem entgegengesetzten Weg. Wie entspannt die Kamele im Umkreis sind, brauch ich wohl nicht im Detail erläutern. Dazwischen, neben aufgescheuchten Kamelen, die Verladung regelnde Araber. Alles ziemlich wild. Julia und ich verängstigt. Marc spurtet los, auf der Suche nach dem besten Schnappschuss. Wir versuchen alles im Auge zu behalten inkl. Marc. Und gleichzeitg immer das nächste aus der Reihe tanzende Kamel auszumachen. Es klappt nur bedingt.

Aber: nach einiger Zeit haben wir den Dreh raus. Während Marc von einer Kamelherde zur anderen läuft und knipst, stehen wir Face-to-Face und geben uns Deckung. Eine beobachtet die Lage hinter der anderen und kann entsprechend dirigieren. Immer wieder rennen Kamele kreuz und quer über die Strassen des Marktes oder auf uns zu. Wir arbeiten uns Stück für Stück vor und verstehen langsam das Ausmass. Herden mit zum Teil 50 und mehr Kamelen werden hier zum Verkauf angeboten. Je nach Güteklasse zum Verzehr, zur Zucht, als Transportmittel. Manche werden einzeln verkauft oder gleich im Sixpack abgeführt. Oder im Rudel. Einige sind verkauft und warten nur noch auf den Abtransport. Zwischendrin immer wieder Auktionen: Unzählige Araber stehen im Kreis um ein Kamel, vermutlich eines der besseren, und brüllen mit erhobenen Händen. Was für ein Schauspiel. Business auf arabisch.

Trotzallem fühlen wir uns nach ca. einer Stunde so unwohl, dass wir es gut sein lassen wollen. Marc ist von unserem Paniktheater auch nur ganz leicht genervt. Beteuert er jedenfalls…wenn auch nicht sehr überzeugend.

Da der weitere Tagesplan einen Schlenker zu den Pyramiden vorsieht, heißt es weiter durchfragen. Wir haben Glück. Uns nimmt ein auf dem Kamelmarkt nicht fündig gewordener und entsprechend schlecht gelaunter Araber, bzw. dessen Chauffeur mit. Erst liefern wir seinen Chef ab, dann fährt er uns weiter zu einem der Minibusumschlagsplätze, diesmal vor einer anderen Shoppingmall, auf dem Weg zu den Pyramiden. Wir essen und überqueren dann zu Fuss, ja, ich glaube, sie war es wirklich, die Autobahn. Nahtoderfahrungen für Fortgeschrittene. Das artet hier langsam zum Survivalcamp aus. Auf der anderen Seite allerdings leider kein Minibus. Also warten. In der Hitze. Ein Traum. Ich überlege, wie dringend ich die Pyramiden eigentlich sehen will. Währenddessen ändern wir den Standort und kurz darauf hält ein Taxi. Verhandlungsspielraum gibt es auf der Autobahn keinen.

Es lässt uns am Haupteingang der Pyramiden raus. Da Julia und Marc sich entscheiden doch zum 7.(?) Mal mit das Gelände zu begehen, haben wir leider zu wenig Geld für den Eintritt dabei. Zwischenfrage: nach so vielen Besuchen könntet ihr doch bestimmt auch als seriöse Touriguides hier anfangen, oder?! Also in der Hitze, jetzt früher Nachmittag, nochmal schnell zur nächsten Tanke und den Geldautomaten plündern. Und dann endlich: Pyramiden gucken. Die sehen wirklich so aus, wie man denkt. Ich staune und wir schlendern übers Gelände. Touristen klettern auf den uralten Überbleibseln herum, Security pfeift sie wieder runter. Kamel- und Pferderitte werden angeboten. Und dazwischen, natürlich, wieder ein Gruppe frecher jugendlicher Araber, die heimlich Fotos von uns macht. Diesmal regelt Marc das. Und ich sag mal so, ich glaube nicht, dass die Jungs sich nochmals trauen heimlich ein Foto zu machen. Zumindest nicht von uns.

Gegen den Eintritt in die grösste, die Cheopspyramide, hatte ich mich schon vorab wegen dem unverschämten Preis von 20€ entschieden, weil die kleineren kostenlos zu begehen sind und ja sowieso nichts mehr drin ist. Alles ausgeräumt und im ägyptischen Museum in Kairo. Also stellen Julia und ich uns an einer der kleinen Pyramiden an. Ich schaue in das Loch runter. Ziemlich steil und tief in den Berg rein geht das aber hier. Ich dreh mich um und fange an rückwärts abzusteigen. Nach drei Metern geht nichts mehr. Alles zurück! Und alle wieder raus aus der Pyramide. Toll! Kommt jetzt zur Höhenangst auch noch Platzangst, oder was?! Das könnte aber unpraktisch werden, so in Flugzeugen und so… Oh mann, ich bekomm schon Puls, wenn ich mir vorstelle da unten zu sein, geschweige denn in der großen Pyramide mittendrin umringt von meterdicken Steinmauern in kleinen Gängen. Ja, blöd gelaufen, aber was nicht geht, geht grad nicht. Und von aussen ist ja auch hübsch.

Wir biegen um die Ecke und gehen auf die Sphinx zu. (Nein, wir wollen keine Pferdekutsche mieten, die dann völlig überladen auf rutschigem Asphalt und schlecht beschlagenen Pferdehufen bergab ins Rutschen kommt und nur mit massiven Peitschenhieben wieder in die Spur gebracht werden kann. Die sind hier nicht die tierliebsten.)

Die Sonne steht schon recht tief und so dunkelgelb und erhaben lächelnd ist sie für mich fast eindrucksvoller als die Pyramiden. Steinblöcke aufstapeln kann ja jeder 😉 Mir fehlen fast die Worte. Die könnt ich jetzt stundenlang zurück anstarren.

Trotzdem verabschiede ich mich irgendwann und wir suchen uns ein Taxi. Und dann, auf dem Weg im ägyptischen Verkehr, und als i-Tüpfelchen auf eine überraschenden Überraschungstag, streikt der Motor oder was auch immer. Und weil wir sowieso grad so praktisch im Stau neben einer Metrostation stehen, zahlen wir anteilig und erledigen den Rest der Heimfahrt per Metro.

War das ein Tag. Ich bin durch. Julia und Marc sind noch hochmotiviert und treffen sich später mit Freunden. Ich passe. Kümmere mich ein bisschen um den Blog, buche pro forma ein Flugticket von Indien nach Singapur für Mitte November (eine der Einreisebestimmungen) und kann dann überraschend die halbe Nacht nicht schlafen. Indische Aufregung. Das wird echt immer schlimmer. Morgen geht es endlich los. Ich hab Angst und bin gespannt. Immer abwechselnd. Und dann sind es eben auch nur noch drei Wochen bis zum allein reisen. Davor hab ich jetzt weniger Angst, bin aber mindestens genauso aufgeregt. Ist das gerade eine verrückte Zeit. Unglaublich. Immer noch.

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